Die
international gefeierte Berliner Clubkultur hat sicherlich den
wundersamen Aufstieg der Stadt auf vielen Gebieten gefördert -
Tourismus, Musikindustrie, Modebranche und sogar die Wirtschaft
insgesamt profitieren davon. Dennoch scheint die an althergebrachter
Industrie- und Kulturförderung orientierte Politik nicht so richtig zu
wissen, was sie an dieser Szene hat. Denn: Auch wenn der Senat ein
Musicboard unter anderem für die Belange der Clubs einrichten will, so
bleibt es doch noch immer eher bei Ankündigungen - während die Clubs um
ihr Überleben kämpfen und häufig aus attraktiven Stadtteilen verdrängt
werden.
Heute wird in Berlin so viel und wild gefeiert
wie seit den berühmten 20er Jahren nicht mehr. Allerdings ist die
Partykultur akut bedroht. Ein angesagter Laden nach dem andern muss
schließen oder ist zumindest gefährdet. Jüngstes Beispiel: der Club der
Republik in Prenzlauer Berg. Heute begann der Abriss. Obwohl das
Hauptstadt-Nachtleben maßgeblich zum Weltruhm Berlins beiträgt, scheinen
oder wollen viele Politiker die Notlage im Nachtleben nicht erkennen.
Dabei sind es oft nur Kleinigkeiten, die darüber entscheiden, ob man
weiter ausgeht oder langsam ausblutet. Helge Oelert.
Eine
Hinrichtungsszene im Prenzlauer Berg. Künstler protestieren mit dieser
drastischen Performance gegen eine Politik, die ihrer Meinung nach die
Kultur in Berlin zur Strecke bringt. Jüngstes Opfer: der Klub der
Republik - seit zehn Jahren eine Institution im Prenzlauer Berg, seit
gestern geschlossen. Doch das lässt den zuständigen Stadtrat für
Stadtentwicklung kalt.
Jens-Holger Kirchner (Bü 90/Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung, Pankow
„Die
Clubs kommen und die Clubs gehen. Anfang der 90er war hier kein Club.
Die sind dann alle entstanden und jetzt gehen sie mal wieder weg. Und
die kommen hoffentlich wieder.“
Auch der Bürgermeister von
Friedrichshain-Kreuzberg ist ein Grüner. Doch Franz Schulz begreift die
Clubs als Teil der Kultur – und hat eine Erklärung, warum nur so wenige
seiner Kollegen die Szene zu schätzen wissen.
Franz Schulz (Bü 90/Grüne), Bürgermeister Friedrichshain-Kreuzberg
„Dort,
wo sie selbst hin gehen, zu der Kultur, die sie gut finden, die
unterstützen sie auch. Und ein 50-jähriger Politiker oder eine
50-jährige Politikerin geht doch nicht in die Clubs… die kennen sie nur
aus der Berichterstattung.“
Und dass sie sich nicht
auskennen, hat schwerwiegende Folgen. Allein im einst für seine
Subkultur bekannten Prenzlauer Berg sind in den vergangenen Jahren fast
alle innovativen Klubs verschwunden oder bedroht.
Der Magnet-Club - einem Biomarkt gewichen,
die Hechtbar im Prater- wegen Anwohnerbeschwerden dicht,
der Sodaclub in der Kulturbrauerei - aus Lärmschutzgründen bedroht,
das Icon - nach jahrelangen Auseinandersetzungen wegen Ruhestörung: Ende vergangenen Jahres geschlossen.
Genau
wie der Knaackclub, der den real existierenden Sozialismus samt Wende
überlebte, und nach fast 59 Jahren von Käufern benachbarter
Eigentumswohnungen weggeklagt wurde.
Wenn die Politik nicht
eingreift, droht der gesamten Innenstadt das Schicksal des Prenzlauer
Bergs, weil Investoren die Szene vertreiben, fürchten die Vertreter der
Clubs.
Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission
„Die
Szene wird sich irgendwo sammeln, wahrscheinlich am Rande der Stadt,
da, wo noch Mieten bezahlbar sind, um Ateliers aufzubauen, um Clubs zu
betreiben, um Veranstaltungen durchzuführen. Sie werden aus der Mitte
der Gesellschaft verschwinden, das ist, glaube ich, der Prozess, der in
gewissen Kiezen schon eingeläutet wurde.“
KLARTEXT
„Und was macht das, wenn sie an den Stadtrand ziehen?“
Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission
„Diese Szene gehört in die Mitte der Stadt, die gehört in die Innenstadt, das ist der Puls der Stadt.“
Tatsächlich
ist es Teil des Erfolgsrezepts der Berliner Clubs, dass sie über die
Innenstadt verteilt sind und dennoch auf kurzen Wegen erreichbar. Auch
für die Berliner Wirtschaft ist das von großer Bedeutung: Mit 170
Millionen Euro Umsatz im Jahr und 10.000 Beschäftigten sind die messbare
Zahlen zwar eher überschaubar. Viel wichtiger aber sind die Einflüsse
auf andere Branchen. Offensichtlich ist das im Tourismus.
Die Stadt wirbt international mit ihrem Nachtleben, wie in diesem Imagefilm.
Burkhard Kieker, visitBerlin
„Aus
der Marktforschung wissen wir, dass 35 Prozent aller Besucher das
Nachtleben, also unter anderem die Clubszene, als Besuchsgrund für
Berlin angeben. Das zeigt, wie wichtig das ist.“
Noch
entscheidender aber sind die Ausstrahlungseffekte für andere Bereiche.
So würde Berlin seine Attraktivität für die Mode, aber auch für Musik,
Kunst, Design und selbst für Informationstechnologie kaum halten können
ohne international anerkannte Clubs. Sie sind ein Standortvorteil, sagen
Wissenschaftler, und ihr Verlust könnte für die Volkswirtschaft heute
sogar schwerwiegender sein als der manch herkömmlicher
Industrieproduktion. Doch Viele denken in überalterten Strukturen.
Prof. Oliver Ibert, Wirtschaftsgeographie der FU Berlin
„Die
kausalen Zusammenhänge sind natürlich nicht unmittelbar, also zunächst
mal verliert man nur ein paar schlecht bezahlte Arbeitsplätze und es ist
ja auch nur das Entertainment der Jugend, das wirkt auf den ersten
Blick nicht besonders wichtig im Vergleich zu einer BioTec-Firma oder im
Vergleich zum Produktionsstandort, wo mehrere tausend Arbeitsplätze In
Gefahr sind. Das kann natürlich ‘ne Ursache dafür sein, dass es zunächst
einmal nicht so dramatisch scheint.“
Verantwortliche
glauben offenbar, die Entwicklung am besten zu fördern, indem sie
einkommensstarke Wohnungskäufer anlocken. So wurde manche Baugenehmigung
mit zu wenig Auflagen erteilt, siehe Knaackklub.
KLARTEXT
„Warum
hat man da nicht zum Beispiel den Leuten, die hingezogen sind, so eine
Auflage gemacht, dass man sagt: Wenn ihr hier hin zieht, wo der Club
ist, dann müsst ihr dafür sorgen, dass ihr nicht gestört werdet vom
Lärm. Und nicht umgekehrt.“
Jens-Holger Kirchner (Bü 90/Grüne), Stadtrat für Stadtentwicklung, Pankow
„Beim
Knaackclub ist ‘ne Gemengelage hoch und runter, die höchste kompliziert
ist, weil – da geb‘ ich Ihnen recht – weil, die Architekten des
Nachbarhaus hätten wissen müssen, dass da ein Club ist nebenbei und die
hätten auch bitteschön die Brandschutzwand nicht an das Haus, da gibt’s
ja Schallbrücken, bauen müssen, und dann ist es aber passiert…“
Die
Architekten sollen also die Schuld sein – hier wird die eigene
politische Verantwortung nicht ernst genommen. Dass es auch anders geht,
wenn man im Detail und vorausschauend nach Lösungen sucht, zeigt
Kirchners Parteifreund aus Friedrichshain-Kreuzberg. Hier drohten
Probleme mit dem Watergate-Club, aber mit etwas Nachdenken fand er eine
Lösung.
Franz Schulz (Bü 90/Grüne), Bürgermeister Friedrichshain-Kreuzberg
„Der
Eigentümer begann dann zu überlegen, Wohnnutzung da rein zu nehmen,
unmittelbar Wand an Wand, was zu erheblichen Konflikten geführt hätte,
und wir interveniert haben bei dem Nachbarn, die Wohnnutzung nach ganz
weit oben zum Dach hin zu ziehen, so dass keine Wohnnutzung direkt zum
Watergate existiert, und haben ihn dazu gebracht. eine Lärmschutzwand
einzubauen, so dass wirklich sicher gestellt ist, dass es zu keinen
Nutzungskonflikten kommt.“
Selbst die CDU – bislang nicht gerade als investorenkritisch bekannt – fordert mehr Toleranz gegenüber den Clubs.
Christian Goiny (CDU), Mitglied des Abgeordnetenhauses
„Wir
haben in einigen Innenstadtbezirken natürlich eine Menge Menschen, die
in letzten Jahren dazu gezogen sind, die kommen aus kleineren Städten,
die kommen aus ländlichen Gegenden, die finden Berlin spannend und
attraktiv und darüber freuen wir uns, aber die haben natürlich auch eine
andere Erfahrung gemacht, was eben Nachtruhe angeht, was eben Lärm in
einer Stadt anbetrifft, und da ist ein Spannungsfeld entstanden, und ich
glaube, da müssen wir uns auch mal mit beschäftigen, und wir müssen mit
den Berlinerinnen und Berlinern diskutieren, ob es in einer Metropole
nachts auch mal ein bisschen lauter sein darf an der ein oder anderen
Stelle.“
Und der neue Senat? Reagiert mit
Absichtserklärungen: Ein Musicboard soll vielleicht auch irgendwann mal
die Clubs vertreten, vor allem aber ist man mit sich zufrieden und wehrt
ab.
KLARTEXT
„Besteht nicht die Gefahr, dass Berlin jetzt in dem Zuge, dass es reicher wird, nicht mehr sexy bleiben kann, zum Beispiel….“
Richard Meng, Staatskanzlei
„Berlin ist sexy, sonst würde es nicht so ‘ne riesen Nachfrage geben…“
KLARTEXT
„Ja noch, aber vielleicht verliert es gerade diesen Status…“
Richard Meng, Staatskanzlei
„Ich
sehe das nicht, ich halte die Nachfrage und das Image von Berlin
bundesweit und international für so interessant, ich glaube, dass wir da
auf dem richtigen Weg sind und deswegen sind wir guten Mutes, dass das
so bleibt. Es wird sich verändern die Szene, aber sie wird sexy bleiben,
ich glaube, das ist Berlin eigen.“
Die Freunde des „Klub
der Republik“ haben ihre Kultur am Wochenende zu Grabe getragen. Auf dem
Plakat stand: „Erst wenn die letzte Eigentumswohnung gebaut, der letzte
Klub abgerissen und der letzte Freiraum zerstört ist, werdet ihr
feststellen, dass der Prenzlauer Berg die Kleinstadt geworden ist, aus
der ihr einmal geflohen seid.“
Autor: Helge Oelert
Dieser Text gibt den Sachstand vom 01.02.2012 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.